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Martin Andenmatten über Multi-Cloud-Strategien und die Cloud-Initiative Gaia-X

Martin Andenmatten, Präsident von EuroCloud Swiss

Eine Cloud allein reicht vielen Unternehmen nicht mehr. Stattdessen stellen sie sich ihre Dienste nach Bedarf von verschiedenen Anbietern zusammen. Warum das so ist, erklärt Martin Andenmatten, Präsident von Eurocloud Swiss. Weiter verrät er, wie auch kleine Firmen eine Multi-Cloud-Strategie fahren können und beurteilt die europäische Cloud-Initiative Gaia-X.

Laut einer Interxion-Studie wechseln Schweizer Unternehmen zwar vom On-Premise- ins Multi-Cloud-Modell. Sie nehmen sich dabei aber durchaus Zeit. Was hält hiesige Unternehmen vom Wechsel ab?

Martin Andenmatten: Dafür mag es wohl verschiedene Gründe geben. Es liegt teilweise daran, dass noch viele Infrastrukturen als hohe Investitionen in den Büchern der Unternehmen stehen und eine direkte Abschreibung wohl nicht so schnell gewünscht wird. Vielmehr liegt es aber an der Erkenntnis, dass ein Wechsel in die Cloud nicht primär nur eine technische Umstellung bedeutet. Viele Organisationen haben Mühe, ihr traditionelles Betriebsmodell den Cloud-Realitäten anzupassen. Eine Cloud-Adaption-Strategie verlangt auch, dass selbstentwickelte Applikationen zum grössten Teil neu entwickelt werden müssen. Eine Lift-&-Shift-Strategie, um nur den Hardware-Layer in die Cloud zu verschieben, ist für die meisten Unternehmen keine echte Option.

Die Multi-Cloud hat sich für viele Unternehmen zum bevorzugten IT-Delivery-Modell entwickelt. Warum ist das so?

Dies ist vielfach weniger eine bewusste Strategie denn eine sich etablierende Realität. Grund dafür sind die zunehmenden Business-Demands nach Lösungen, die immer öfters nur noch in der Cloud zu finden sind. Diese können in der Regel nicht einfach beschafft und dann auf seiner "Haus-Cloud" implementiert werden. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Unternehmen in kurzer Zeit 30, 40 oder gar 50 Lösungen aus der Cloud im Einsatz hat, die auf unterschiedlichsten Plattformen betrieben werden. Dies vielfach auch ohne konkretes Wissen der Kunden, von wo und wie der Service bereitgestellt wird.

Warum kann ein einzelner Cloud-Anbieter nicht mehr alle Bedürfnisse eines Unternehmens abdecken?

Die Prinzipien der Cloud-Technologie basieren auf offenen Standards. Es ist bewusst so konzipiert, dass Portabilität, Interoperabilität und Interkonnektivität zwischen Cloud-Lösungen möglich sind. Das ermöglicht allen, sich einfach und schnell am Markt zu beteiligen und auch als kleines Start-up mit einer bahnbrechenden App mit etablierten Grossunternehmen zu konkurrieren oder dieses gar zu verdrängen. Ein Unternehmen, das von sich behauptet, alles zu können, kann nichts wirklich gut. Kunden wollen für sich beste Lösungen zu erschwinglichen Preisen. Mit der Cloud wird es nun möglich, aus einem proprietären Angebot auszubrechen hin zu einem offenen Markt. Das sind Riesenvorteile gegenüber früher, wo man sich bei der Wahl der Plattform bereits mit den damit verfügbaren Lösungen eingeschränkt hat.

Das Multi-Cloud-Modell stellt hohe Anforderungen in Sachen Management und Sicherheit. Wie gehen Schweizer Unternehmen mit diesen Herausforderungen um?

Mit der Dynamik der Cloud sind die meisten Unternehmen in der Tat vielfach überfordert. Die auf stabile und vorausschauende Planbarkeit ausgerichteten Betriebsmodelle und Prozesse sind den ständig wechselnden Realitäten mit der Cloud schlicht nicht mehr gewachsen. So lassen sich die betriebswirtschaftlichen Vorteile einer Cloud oft gar nicht realisieren, weil man gar keine Übersicht hat, welche Ressourcen nun wieder freigegeben und damit die Kosten gesenkt werden können. Diese oft zu starren und wenig automatisierten Prozesse sind häufig auch der fehlenden Sicherheit im Umgang mit der Cloud geschuldet. Cloud-Lösungen, insbesondere jene der grossen Hyperscaler, sind grundsätzlich sehr sicher, und deren Betreiber investieren laufend mehr in die Überwachung und Verbesserung der Sicherheit, als ein einzelnes Unternehmen für sich in der Lage wäre. Die Wahrnehmung der Sicherheitsverantwortung verbleibt aber immer beim Kunden, und so muss er sicherstellen können, dass nur Daten mit entsprechender Klassifizierung in der Cloud genutzt werden dürfen und dass das Identity & Access Management mit den verteilten Cloud-Lösungen synchronisiert wird. Und dies in einem dynamischen Cloud-Umfeld. Ohne ein auf die Nutzung der Cloud ausgerichtetes Betriebsmodell entgleiten Kosten und Sicherheit der Kontrolle des Managements.

In einem Interview sagten Sie, der Zug für Schweizer Cloud-Anbieter sei Ihrer Meinung nach abgefahren. Wie konnte es so weit kommen?

Diese Aussage bezog sich primär auf Infrastruktur- und Plattformanbieter (IaaS, PaaS). Der Technologie-Vorsprung etablierter internationaler Cloud-Anbieter ist schlicht zu gross, um diesen noch aufzuholen und konkurrenzfähig im Markt zu bleiben. In der Schweiz war man wohl lange etwas zu sicher, weil man glaubte, Schweizer Unternehmen werden ihre Daten immer bei Schweizer Providern in der Schweiz hosten lassen. Dadurch ist man faul, fett und wohl auch etwas träge geworden. Mit der Angst vor dem Verlust der Daten bei Cloud-Providern im Ausland hat man lange und gut leben können. Nun sind die grossen internationalen Cloud-Provider selbst in der Schweiz aktiv mit eigenen Rechenzentren.

Wie sieht es mit lokalen Plattformanbietern fürs Multi-Cloud-Management aus? Schlagen sich Schweizer Unternehmen hier besser?

Für gute Multi-Cloud-Management-Lösungen wäre die Schweiz mit ihren Spezialisten und ihrem Zugang zu den technischen Hochschulen prädestiniert. Nicht zuletzt deshalb hat sich auch Google hier niedergelassen. Mir sind keine Schweizer Lösungen im Multi-Cloud-Management bekannt, die einen gewissen Durchbruch geschafft haben. Der Umgang mit den vielen APIs in einem ständig verändernden Umfeld ist doch recht komplex und bedingt eine vertiefte Kenntnis der Technologien der primären Cloud-Anbieter. Es gibt im Markt bereits gute Lösungen, die das Service Provisioning, Service Monitoring, die Orchestrierung und Steuerung der Governance über mehrere gängige Cloud-Anbieter unterstützen. Der Einsatz solcher Lösungen als Integrator für Multi-Cloud-Umgebungen ist aber für viele Schweizer Provider heute bereits gut etabliert. Hier können sie einen echten Mehrwert für die vielen Kunden in der Schweiz bieten, die sich nicht selbst damit beschäftigen wollen oder können.

Die EU will mit dem Projekt Gaia-X bewusst europäische Cloud-Anbieter stärken. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Gaia-X ist nicht eine eigene physische Cloud, sondern ein Konzept von Prinzipien und Standards, um eine sichere, offene und souveräne Nutzung von Daten gemäss den europäischen Werten und Datenschutzvorschriften zu ermöglichen – ein eigentliches Cloud-Ökosystem. Das ist genau die Antwort, die auch wir in der Schweiz gegenüber der Macht der amerikanischen Hyperscaler oder auch Alibaba-Cloud haben sollten. Gaia-X steht nicht nur den Cloud-Anbietern aus der EU offen, sondern auch anderen Ländern wie der Schweiz. Interessanterweise sind mittlerweile auch die grossen Hyperscaler wie Microsoft, Google oder Amazon mit dabei. Aus der Schweiz ist meines Wissens nur Wemedoo dabei. Diesen Zug dürfte man als Anbieter in der Schweiz nicht verpassen.

Unlängst hat auch der Bund seine Pläne für eine Art Cloud-Label vorgestellt. Was sagen Sie dazu?

In der Interxion-Studie wurde einerseits der Frage nachgegangen, ob es eine "Schweizer Cloud-Infrastruktur" braucht. Das hat sich nicht bestätigen lassen. Wenn man sich genauer mit den Ergebnissen der Studie befasst, erkennt man, dass wir im Grunde die gleichen Werte und Bedürfnisse haben, die im Projekt Gaia-X verbrieft sind. Wieso sich also als Schweiz nicht um einen Einsitz in das Governmental Advisory Board bemühen und Einfluss nehmen? Ich bin überzeugt, dass wir dort willkommen sind.

Wie sollten kleine Unternehmen den Umstieg in die (Multi-)Cloud angehen?

Einem kleinen Unternehmen ist nicht wirklich zu empfehlen, das Management der Multi-Cloud selbst zu machen. Dazu fehlt schlicht die Expertise und die notwendigen Ressourcen. Hier kann ein schweizerischer Serviceprovider, der die Serviceintegration von Multi-Cloud nachweislich beherrscht, eine echte Alternative sein.

Wenn Sie ganz weit vorausschauen: Wie könnte es in der IT nach Multi-Cloud weitergehen?

Für die meisten Unternehmen wird die provokante Aussage von Nicholas G. Carr wahr: "IT Doesn’t Matter". Cloud wird einfach eine im Hintergrund funktionierende Infrastruktur sein. Was zählt, sind die Lösungen und Anwendungen, die einfach im Browser aufgerufen werden. Die Infrastruktur ist noch stärker verwoben mit Edge-Computing, Cloud, Breitband-G5-Technologien. Die Next-Gen-Applikationen der Zukunft brauchen die neuen Technologien wie Artificial Intelligence und IoT und ermöglichen völlig neue Lösungen – da wird man sich gar nicht mehr mit dem Thema Cloud auseinandersetzen müssen.

(Artikel von René Jaun: René Jaun ist Redaktor bei Netzwoche, IT-Markt und CEtoday)

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Die IG EuroCloud Swiss bezweckt die Förderung von Cloud Computing in Theorie und Anwendung und den Einsatz Technologien, Konzepten und Methoden und verwandte Themen in der Schweiz. Sie vertritt die Interessen der Cloud Computing Community in der Schweiz und fördert den Austausch mit anderen Personen und nationalen und internationalen Organisationen.

Sie pflegt eine enge Zusammenarbeit mit Anbietern, Herstellern, Anwendern, Beratern, Hochschulen/Universitäten, Fachhochschulen, anderen Verbänden und dem Bund im Bereich Cloud Computing. Sie führt Weiterbildungs- und Informationsveranstaltungen zum Thema Cloud Computing durch.

Seit dem 1. Januar 2015 als Interessensgruppe in den Swico integriert.